Gesprächsstoff

Wir schreiben Dinosaurier-Geschichte neu: Gewaltiger Raubsaurier aus der Sahara war ein echtes Flussungeheuer

Für die Besucher der Ausstellung „SAURIER – Giganten der Meere“ im Lokschuppen Rosenheim ist er ein beliebtes Fotomotiv. Das 10 Meter lange Modell des „Spinosaurus“ mit seinem gewaltigen Krallen und dem hohen Rückensegel ist das größte Exponat dieser spektakulären Schau. In der Nacht zum 16. September bekam dieser Dinosaurier ein neues Aussehen – und auch seine Geschichte wurde inzwischen neu geschrieben.

Die wichtigste Erkenntnis: Der Spinosaurier lebte nicht, wie lange vermutet, vor allem an Land. Vielmehr ist er der einzige Dinosaurier, der für das Leben im Wasser voll ausgerüstet war, schwimmen konnte und unter Wasser jagte. Verändert wurde der Schwanz des Spinosaurus. Er hat längere Wirbel, und er ähnelt so mehr einem Krokodil als einem aufrechtstehenden Dinosaurier. Die neuen Erkenntnisse sorgten bei den Wissenschaftlern weltweit für Furore.

Grundlage dafür sind Forschungen und Ausgrabungen des Paläontologen Dr. Nizar Ibrahim in Marokko, die der Lokschuppen mit unterstützt hat.

Die Entdeckungen stammen aus dem Jahr 2020, durch Corona können die Forschungsergebnisse erst im Herbst 2021 in der Ausstellung umgesetzt werden. Das Team aus Künstlern, Handwerkern und Paläontologen reiste aus Venetien an, um dem Spinosaurus einen neuen Schwanz und damit ein neues Aussehen zu verpassen.

Zudem wurde die Ausstellung ergänzt. In einer weiteren Vitrine sind originalgetreue und imposante 3D-Drucke mehrerer Schwanzwirbel des Spinosaurus zu sehen.

„Es ist weltweit das erste Modell des Spinosaurus, das nach den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltet wurde“, sagte Dr. Nizar Ibrahim bei der Vorstellung des neuen Spinosaurus in Rosenheim. „Mein Team und ich sind stolz darauf, die Ergebnisse jetzt endlich hier vor Ort präsentieren zu können.“ Für den Lokschuppen ist das ein zwar spätes, aber wichtiges Highlight. „Wir haben die Ausgrabungen in Marokko bewusst gesponsert, weil wir in unseren Ausstellungen auf wissenschaftlich fundierte Ergebnisse und Exponate großen Wert legen“, so der Leiter des Ausstellungszentrums Dr. Peter Miesbeck.

Die Ausstellung „SAURIER – Giganten der Meere“ läuft noch bis zum 12. Dezember 2021. Wo der Spinosaurus danach zu sehen sein wird, steht noch nicht fest. „Wir sind aber sicher, dass man ihn künftig noch in anderen Ausstellungshäusern besichtigen kann“, so Dr. Peter Miesbeck.

 

Die Geschichte des Spinosaurus der Reihe nach:

 

Ägypten, 1910 bis 1914: Der bayerische Paläontologe und Aristokrat Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach legt Fossilien frei. Darunter auch Teile eines Tieres, das er später Spinosaurus aegyptiacus taufte. Er konnte er sich keinen Reim auf die Anatomie des Tieres machen und stellte sich ein Tier vor, das ähnlich wie ein T. rex auf seinen Hinterbeinen stand. Die Fossilien wurden im Paläontologischen Museum München ausgestellt und während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1944 durch einen Bombenangriff zerstört. Danach entspann sich ein Mythos um den Spinosaurus, ohne Skelett kam die Wissenschaft nicht weiter.

 

Marokko, 2014: Ein Forscherteam rund um Dr. Nizar Ibrahim entdeckt neue Fossilien des Spinosaurus und wertet sie aus. Seine Forschungen ergaben, dass der Spinosaurus mit 15 Metern noch länger war als der T. Rex. Er hatte einen schlanken Torso, stummelartige Hinterbeine, eine Schädelform ähnlich heutiger fischfressender Krokodile. Diese und andere  Merkmale deuteten darauf hin, dass es sich zumindest um ein teilweise im Wasser lebendes Tier handelte. Die Wissenschaftler stellten die These auf, dass das Raubtier der erste bestätigte Dinosaurier war, der teilweise im Wasser gelebt hat. Diese These war umstritten, weil Fachkollegen in Frage stellten, ob das Fossil tatsächlich von einem Spinosaurus stammte.

 

Marokko, 2020: Das Team um Dr. Nizar Ibrahim gräbt über 30 Schwanzwirbel vom Spinosaurus an derselben Fundstelle aus. Einige der Knochen passen exakt zu den Illustrationen der Schwanzwirbelfragmente, die Stromer 1934 veröffentlicht hatte. Mit den Erkenntnissen aus der neuen Analyse des Schwanzes liegen nun starke Anhaltspunkte dafür vor, dass Spinosaurus nicht nur im flachen Küstenwasser spazieren ging, sondern auch schwimmen konnte. Die veröffentlichten Befunde deuten darauf hin, dass Spinosaurus viel Zeit unter Wasser verbrachte. Womöglich machte er dort Jagd auf große Beute wie Krokodile.

 

FOTO: copyright vkr/FotoAndreas Jacob

 

Ausstellungszentrum Lokschuppen Rosenheim

Rathausstraße 24, 83022 Rosenheim
„Saurier – Giganten der Meere“

Eine Ausstellung der Veranstaltungs + Kongress GmbH Rosenheim in Zusammenarbeit mit dem Senckenberg Naturmuseum Frankfurt

Laufzeit: 26.9.2019 bis 12.12.2021